02.09.2015

1966 – Begegnung mit Zermatt und Matterhornbesteigung

Findelen mit Matterhorn














Es war vor 50 Jahren ...

Bilder ab Dias digitalisiert, Text aus dem Tagebuch von 1966


Freitag, 16. September 1966

In Lausanne regnet es. Albert, ein welscher Kollege, zeigt gegen den Himmel: immer dichtere Wolken kommen. Ich lache achselzuckend, denn ich will nach Zermatt um einige ruhige Tage zu erleben und vor allem auch das Matterhorn – den Berg der Berge – von nahe zu sehen. Vieles habe ich gelesen über den Löwen des Wallis und er reizt mich immer mehr. Fast wöchentlich las ich diesen Sommer von Rekordbesteigungen, aber auch von Todesstürzen. Ein italienischer Bergführer von Breuil/Cervinia feierte die 300. Besteigung seines Berges. Führer bestiegen mit Kindern den Berg. Zwei Personen stürzten tödlich ab und werden erst Tage später geborgen. Am 1. August landete ein Helikopter für einige Minuten auf dem 4478 m hohen Gipfel.

14 Uhr: Max zeigt mir die Tribune: Bahnstrecke Visp–Zermatt verschüttet. Das war gestern – heute wird sie wieder geöffnet sein. Ich denke an diesem Vormittag und Nachmittag nur an das mir unbekannte Zermatt mit seinem Berg. Albert fragt, ob ich das Matterhorn besteigen wolle – ich winke nur ab und zeige ihm das Wanderbuch der Vispertäler. Es gibt so viele Möglichkeiten für Wandern um Zermatt. Ganz sicher aber will ich zur Hörnlihütte am Matterhorn, sage ich zu meinem Kollegen; ebenfalls reizt mich der Theodulpass und das sagenhafte Panorama vom Gornergrat aus. Tage vorher habe ich das Buch studiert und verschiedene Routen festgelegt. Wenn das Wetter dort besser ist, habe ich einiges vor...

Reise nach Zermatt

Um 15 Uhr beendige ich meine Arbeit und mit bon weekend verabschiede ich mich von meinen Kollegen. Mein Rucksack ist schon gepackt, nur noch einige Esswaren kommen dazu. Schnell werfe ich mich in meine Klamotten und begebe mich zum Bahnhof in Lausanne. Reicht es noch zu einem Bier? Nein, denn schon um 16.04 Uhr fährt der Zug Richtung Italien los.
Ich erhalte einen Platz neben einem jungen Paar, das nach Domodossola fährt. Ob sie gedacht haben, was ich wohl bei diesem miesen Wetter in den Bergen tun wolle, weiss ich nicht. Die Weltwoche mit ihren über 60 Seiten gibt mir sicher Lesestoff bis Brig oder Mailand, aber bis Visp, wo ich umsteigen will, reicht es also. Zwar habe ich Bücher und meinen Französischkurs nicht vergessen, aber es reizt mich wenig, könnte ich ja doch nicht konzentriert sein.
Genfersee–Vevey–Montreux–Aigle–St. Maurice: alles im Regendunst. Keine Hoffnung auf Besserung? Ich bin Optimist. Im Moment beschäftigt mich ein Artikel über Cassius Clay, seine Person und sein Hass. Martigny: hier ist das grosse Knie der Rhone und von hier aus führt die Strasse über den Forclaz-Pass, eine andere nach dem Grossen St. Bernhard. Links kommen bereits verschneite Berge zum Vorschein. Hat es in Zermatt auch Schnee? Flugplatz Sitten: Ich denke an den Gletscherpiloten Geiger, der hier vor drei Wochen verunglückte.
Die zwei hohen Burgen von Sitten erscheinen als Silhouette nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof. Rechts beginnt der tiefe Einschnitt des Val d'Hérens, das seinen Beginn bei der Dent d'Hérens hat, dem Berg westlich des Matterhorns. Dann später in Siders erinnert mich die gewundene Strasse, die nach Zinal im Val d'Anniviers hochführt, an die Katourg-Skitour zur Cabane Tracuit (Bishorn) im Frühjahr 1966. Links im Tal ist nun bald Raron zu sehen, rechts führt die Seilbahn nach Unterbäch-Brandalp hoch: auch eine Erinnerung an schöne Tage.

Visp – ich muss umsteigen. Eine Dreiviertelstunde habe ich Zeit bis zur Weiterfahrt nach Zermatt. Im mir wohlbekannten Bahnhofsbuffet genehmige ich mir das Nachtessen und am Kiosk kaufe ich mir die Wanderkarte Mischabel und bin nun bereit. Wenn es kühl ist, dauert das Warten auf den Zug, die Visp-Zermatt-Bahn, lange. Mit mir warten noch einige Leute: Touristen und auch Einheimische, die von der Arbeit heim in ihre Dörfer wollen. Langsam wird es Nacht und um 18.30 Uhr wackelt dann das Bähnli von Brig heran. Im ersten Wagen nehme ich Platz. Viele Schüler und Lehrlinge fahren heim; Hausaufgaben werden besprochen und über Lehrer geschimpft. Es ist überall dasselbe, nur dass mich die eigenartige Mundart der deutsch-walliser Bevölkerung fasziniert. Ich muss schon genau hinhören um die Jungens richtig zu verstehen. Die Schmalspurbahn rattert und schwankt ähnlich der Rhätischen Bahn in Graubünden. Ich habe einen Schnellzug erwischt, der nur 1.10 Stunden bis zur Endstation Zermatt benötigt. An dem kleinen Bahnhof in Stalden hält der Zug, die Saaser Visp, die von Saas Fee, dem berühmten Dorf unter dem Allalingletscher und die Matter Visp vom Zermattertal treffen hier zusammen. Eine moderne Brücke überspannt die tiefe Schlucht. Saas Fee ist nur mit dem Auto erreichbar.
Es geht weiter, nachdem einige Reisende ausgestiegen waren, St. Niklaus zu. Bis hierher dürfen die Autos fahren, denn in Zermatt herrscht offizielles Autoverbot. St. Niklaus hat grosse Parkplätze. Holpernd gleitet der Zug an den an Hängen und Wiesen parkierten Autos vorbei, die in der Nacht eine gespenstische Kulisse bilden.

19.40 Uhr. Die Reisenden machen sich bereit, denn Zermatt wird in wenigen Augenblicken erreicht sein. Bei Nacht durch einen mir unbekannten Ort zu stolpern und die Jugendherberge zu suchen, ist nicht einfach, denke ich bei Aussteigen. In langer Reihe stehen hier die Gepäckträger der Hotels. Ich frage nach der Jugi und erhalte eine gute Antwort von einem Hotelboy mit italienischen Akzent: Jetzt rechts durch die Hauptstrasse bis zur Kirche, dann links und die zweite Strasse rechts. Ich kann natürlich alles behalten (!), nur war ich mir nicht mehr ganz sicher, als die Kirche lange nicht kommen wollte. Glücklicherweise regnete es nicht mehr, nur respektvoll kühl war es (1616 m). Hell beleuchtete Schaufenster mit vielerlei Produkten luden genauso wie die Hotels ein zu einem Bummel. Viel Volk, meist Touristen und Feriengäste spazierten umher. Es ist Nachsaison, in wenigen Tagen wird das bewegte Treiben auf der Dorfstrasse zu Ende sein, denn viele Hotels schliessen. Ich strebe meinem Ziel zu und finde den Kirchplatz und die Strasse nach links über die Brücke. Hier frage ich nochmals und marschiere hinter zwei Japanern der Jugi entgegen. Vor dem Eingang kommt mir eine Gruppe Deutschschweizer entgegen, die den Abend noch ausnützen wollen.
Das Haus – nur mit dem Signet SJH gekennzeichnet – ist mir sofort sympathisch. Im grossen Aufenthaltsraum geben sich viele Nationen ein Rendezvous: Japaner, Amerikaner, Deutsche und sogar Schweizer. Nach den administrativen Arbeiten erhalte ich ein Zimmer, in dem noch sieben andere Platz haben. Hier treffe ich Horst aus Berlin. Die Unterhaltung ist recht kurz, denn er ist sehr wortkarg; andererseits ist es für mich Zeit zum An-der-Matratze-horchen. Ich schaue noch auf der Karte und im Wanderbuch nach. Wenn das Wetter gut ist, will ich morgen zum Schwarzsee hoch wandern. Ich bin ja Optimist.


Samstag, 17. September 1966

Ich kann überall schlafen, sofern es nicht über 3000 m Höhe ist. Dies erfuhr ich sogar beim Hockenhorn-Biwak in diesem Sommer. Auf der wellenfömigen Matratze der Zermatter Jugi ging es also auch. Nach dem Motto: Der Aelpler wäscht sich morgens früh, der Alpinist dagegen nie! lebe ich normalerweise in den Bergen, aber hier in Zermatt bezahle ich Kurtaxe und gehöre somit zu den Kurgästen. Deshalb habe ich auch die moralische Verpflichtung mich einigermassen zu pflegen. Den Rasierapparat brauche ich nicht, meinen Bart lasse ich spriessen.
Das Frühstück kann von 7.30 Uhr und 9.00 Uhr eingenommen werden, bestätigt ein Schild am Büro.  Gegen 8.20 Uhr picke ich hungrig an meinem Brot, kommt da eine junge Deutschschweizerin herein und unterhält sich mit dem jungen Berliner übers Wetter, schaut zum Fenster hinaus und mustert anschliessend mich: Sind Sie nöt am lätschte Sunntig uf de Cornette de Bis gsi? Ich falle aus allen Wolken und erkenne sie wieder: letztes Wochenende war sie auch am Lac Tanay beim Ausflug des Gesellenvereins Vevey und heisst Isabelle. Sie erzählt, dass sie auch gestern gekommen sei und mit jener Gruppe, die ich abends ins Dorf gehen sah, ausgegangen sei. Es wurde 22.30 Uhr bei der lustigen Runde im Bahnhofsbuffet, nur der strenge Herbergsvater liess sie alle nicht mehr herein, weil sie eine halbe Stunde zuspät kamen. So marschierten sie hoch nach Findelen und übernachteten in einem Heuschober. Kalt wäre die Nacht gewesen!
Ich sage, dass ich jetzt gleich gegen Schwarzsee abmarschieren will. Sie habe nur eine Stunde geschlafen und hätte noch keinen Plan für heute. Gut, ich hole meine Siebensachen und wenig später bin ich weg.

Zermatt–Schwarzsee–Hörnlihütte

Da ich die Abkürzung noch nicht kenne, marschiere ich ins Dorf bis zur Kirche. Langsam und ganz gemütlich gehe ich, sind es doch nur zweieinhalb Stunden bis zum Schwarzsee und die will ich ausnützen. Der Himmel ist undurchsichtig: bedeckt mit Aufhellungen.
Das Bewusstsein, allein die Welt für mich zu haben in den folgenden Tagen macht mir sichtlich Freude. Gute Wegweiser mit Zeitangaben sind überall aufgestellt. Wenige Leute begegnen mir, hält sie das unsichere Wetter ab – ach nein, es gibt ja noch die Seilbahn, die am Ortsende von Zermatt beginnt. In wenigen Minuten ist man damit oben auf 2500 m und hat eine herrliche Sicht auf Gornergrat und Gornergletscher, Breithorn, Monte Rosa, Mischabelgruppe, Zinalrothorn, Dent Blanche und – aufs Matterhorn. Doch heute ist alles in Wolken eingehüllt.
Langsam steigt der Weg, rechts geht es nach Zmutt und Schönbiel, für mich geht es über  eine Brücke, durch einen lichten Lärchenwald, an malerischen, sonnenverbrannten Heuschobern vorbei.

Zum See: St. Barbarakapelle
Nach einer halben Stunde kommt der Weiler Zum See mit seiner St. Barbarakapelle. Ich statte ihr einen längeren Besuch ab weil mich die Schönheit dieses Kapellchens fasziniert. Es ist neu renoviert und hat wunderbare Glasfenstern. Ich fotografiere das Marienfenster, aber auch die anderen Fenster: St. Josef, St. Wendelin, St. Barbara sind genauso schön gemacht.

Marienfenster

























Kurz nach dem Verlassen der Kapelle treffe ich auf eine grössere Strasse. Nun gab es die zweite Überraschung. Wer kommt daher? Isabelle und Horst. Nun gab sich Klarheit in das Missverständnis: ich dachte heute früh, dass sie zu müde zum Mitgehen sei und ich fragte deshalb nicht weiter. So gehen wir nun zu dritt weiter bis zum Schwarzsee.
Langsam kommen wir an die tiefe Schneegrenze, hatte es doch gestern hier oben geschneit. Auf den mageren Wiesen grasen Schafe mit grossen schwarzen Flecken im Fell. Und Blumen sind auch nicht mehr viel zu finden, es geht dem Herbst entgegen. Weiter unten bei der Waldgrenze zeigen sich noch Alpenrosen und andere Strauchgewächse.
Die Luftseilbahn bewegt sich fast lautlos über unseren Köpfen, noch wenige Minuten und wir sind am Schwarzsee (2583 m). Da reisst der Wolkenvorhang auf und das Matterhorn präsentiert sich aus nächster Nähe. Es ist mit Neuschnee überzuckert und flösst mir mit seinen kühnen Flanken Respekt ein. Da hinaufzukommen scheint unmöglich zu sein. Am Fusse de Hörnligrates, weit über uns noch, erkennen wir die Hörnlihütte der SAC-Sektion Monte Rosa. Sie erscheint mir ziemlich ausgesetzt am Grat zu kleben.

Matterhorn von der Hörnlihütte aus gesehen
Das Matterhorn, Monte Cervin, Cervino – wie es genannt wird – sah ich vor drei Jahren vom Wildstrubel aus zu ersten Mal, dann wieder vom Balmhorn, Scheuchzerhorn, Wildhorn, Eggishorn und der Cornette de Bis aus. Doch noch nie war ich so nah, blickte noch nie so tief in seine Grate und Wände: Zmuttgrat, die Nordwand, der Hörnligrat, die Ostwand mit dem Furgggrat. Bis zur Schulter müsste es eigentlich schon gehen; aber wie ist dieses grosse Schneefeld zu überqueren? Ein Fehltritt – und dann? Nein! es ist nicht für mich, bin noch zu unerfahren.

Das Wetter ist besser geworden, wir gehen noch die eineinhalb Stunden hoch zur Matterhorn- oder Hörnlihütte. Die Kapelle Maria zum Schnee spiegelt sich wider im klaren Wasser des Schwarzsees. Wir wandern den bequemen Weg weiter und in vielen Windungen kommen wir auf den Ausläufer des Hörnligrates.
Der letzte Steilaufschwung zur Hütte wird durch einen bequemen, allerdings mit Schnee bedeckten Weg erleichtert, der sich serpentinenhaft hochzieht. Einige Wanderer begegnen uns – es ist eine beliebte Tour. Nur die Aussicht ist heute beschränkt, aber wir sehen wenigstens in die niederen Regionen; oben ist alles von Wolken bedeckt. Auch unser Matterhorn ist schon längst wieder hinter den Kulissen.

3200 m hoch liegt die Hörnlihütte SAC und wird genau an diesem Wochenende eingeweiht werden. Viele Bergfreunde und Delegationen der SAC-Sektionen werden erwartet. In der Küche des anschliessenden Berghotels Belvédère, in welche wir verbotenerweise hineinblicken, sind drei Personen an einem riesigen Fleischstück beschäftigt. Ob es eine gute Festmahlzeit geben wird?
Hier auf der Terrasse hat man bei schönem Wetter einen wuchtigen Ausblick auf Gornergrat und Gornergletscher, Monte Rosa-Massiv, Breithorn, Theodulgletscher und direkt über uns soll irgendwo das Matterhorn sein. Da – ein Windstoss – und wir erblicken einen Teil der steilen Ostwand, jetzt ist eine Partie des Hörnligrates sichtbar: steil, spitzig, zerklüftet.

Wir drei gehen noch bis zum Einstiegsfelsen. An den glatten Felsen hängt eine grosse Plakette: Maria mit dem Kind. Eine wunderbare Erinnerung an die eigentlichen Quellen der Menschheit. Jeder muss daran vorbei, will er über diesen Grat zum Gipfel. Bittet hier jeder um Schutz – dankt jeder nach einer erfolgreichen Tour? Die unsichtbare Hand Gottes steht auch über diesem Berg.
Wo aber ist der Einstieg? Ah – hier links! Nein, unmöglich: darunter ist es senkrecht abfallend, also rechts schauen. Es hat keine Spuren im Schnee, so versuchen wir es auf eigene Faust. Ich klettere einen kleinen Riss hoch, aber alles ist verschneit. Oben muss es links gehen, denn rechts hat es wieder Wände. Es genügt es mir. Immerhin, sage ich mir, stehe ich drei Meter auf dem Matterhorn. Eine unwirtliche Gegend bei Schnee und Nebel; ob ich später mal auf dem Gipfel dieser weltberühmten Pyramide stehen darf? Ich träume davon. Isabelles Wunsch ist es schon seit Jahren, sagt sie, dreimal kam sie schon nach Zermatt, aber es erfüllte sich bisher nie. Horst, unser junger Begleiter aus Berlin ist froh, mit seinen Schuhen soweit gekommen zu sein. Er war das erste Mal auf 3400 m.

Nach drei Uhr nachmittags brechen wir wieder auf zum Rückweg. Viele Berggänger, einige davon mit Seil und Pickel, kommen uns entgegen – sie gehen zur Hütteneinweihung und später vielleicht noch weiter.
Am Schwarzsee statten wir Maria vom Schnee einen Besuch ab, aber die nächste Station ist das Hotel Schwarzsee, wo wir den verdienten Tee entgegennehmen.
Wir nehmen nicht die Seilbahn, das wäre zu schade, denn das Wetter ist besser geworden – und schliesslich haben wir ja Zeit. So können wir uns ruhig zwischendurch die strapazierten Füsse im Gras ausstrecken. Das tut gut! Wieder geht es weiter über Hermetje nach Zum See, durch den kleinen Lärchenwald hinunter, Zermatt entgegen.

Das Bergführerbüro ist heute letztmalig geöffnet. Isabelle holt noch Erkundigungen ein, während Horst und ich zur Jugi gehen. Ein langer Tag geht seinem Ende entgegen; viel Neuland durfte ich wieder entdecken.
Plötzlich – ich sitze im Aufenthaltssaal des Hauses – lichten sich die Wolken und das Matterhorn erscheint goldschimmernd, angestrahlt von der untergehenden Sonne. Ich kann mich kaum sattsehen, der Anblick ist fazinierend. Eine solche Krönung des Tages!
Ich studiere nach dem Abendessen noch Karte und Führer für den morgigen Tag. Zwei Mädchen aus dem Kohlenpott lesen Die Zeit, andere unterhalten sich und ein junger Japaner schreibt Postkarten nach Hause. Er erklärt mir die komplizierten Schriftzeichen in guter deutscher Sprache.
Ich will noch einen Bummel machen. Horst ist müde und Isabelle habe ich nach dem Nachtessen nicht mehr getroffen; so gehe ich halt allein. In aller Gemütsruhe schaue ich in die vielen Schaufenster an der Dorfstrasse. Zwischendurch bimmelt eine Pferdedroschke vorbei: die Zermatter Taxis. Beim VZB-Bahnhof  ist auch die Station der Gornergratbahn, ein modernes Gebäude. Ich verziehe mich zu einem wohlverdienten Grossen in Bahnhofbuffet und beschliesse somit den Tag.

Frühmorgens von der Jugi aus

Sonntag, 18. September 1966

Aus unbekanntem Grund erwache ich früh heute. Es ist schon hell – was macht das Wetter? Ich beuge mich aus dem Bett um den Himmel zu sehen. Wie elektrisiert hüpfe ich raus, denn dieses sich mir bietende Naturschauspiel muss ich auf Film bannen: das Matterhorn steht wolkenlos da und die oberste Hälfte ist orangefarben von der Morgensonne angestrahlt. Es wird ein wunderschöner Tag werden! Die andern sieben im Raum schlafen noch und wissen nicht, was sie verpassen. Langsam senkt sich das Licht am Zermatter Löwen, bis schliesslich der ganze Berg in morgendlicher Goldglut steht.
Inzwischen ist es Zeit geworden aufzustehen. Heute haben wir den Eidg. Buss-, Dank- und Bettag. Um 8 Uhr ist Gottesdienst. Isabelle, die ich beim Frühstück treffe, geht auch mit. In der geräumigen Zermatter Dorfkirche sind viele Einheimische und einige Gäste versammelt.

Zum Gornergrat

Anschliessend an den Sonntagsgottesdienst gehen Isabelle und ich zum Gornergratbahnhof, wo wir wieder mit Horst zusammentreffen. Um möglichst früh die Sonne geniessen zu können, geht es um 9.20 Uhr mit der Zahnradbahn los. Viele Wanderlustige, mit Rucksack bewaffnet, sind unterwegs.
Nach Zermatt führt die Bahn langsam hoch, die Schlucht des Findelenbachs wird überquert, durch Felder und an Alpen vorbei geht die Fahrt zur Riffelalp. Man kann die ganze gegenüberliegende Bergkette mit Weisshorn, Zinalrothorn, Dent-Blanche, Obergabelhorn und als einzigartige freistehende Pyramide dem Matterhorn, umgeben von Gletschern und Schluchten, sehen.
Tief unten liegt nun bereits Zermatt, denn die Zahnradbahn hat eine gute Steigung. Oberhalb der Waldgrenze, die hier um 2200 m ist, haben wir Sicht auf die Mischabelgruppe und auf das weiter entfernte Berner Oberland.

Mischabelgruppe




















Riffelberg und Rotboden sind die nächsten Stationen und schliesslich sind wir auf dem Gornergrat selber. Mit seinen 3130 m und seiner vorzüglichen geografischen Lage ist hier ein einmaliges Panorama zu erleben. Hinten, um das Monte Rosa-Massiv fliegen Nebelfetzen, sonst aber ist alles wolkenlos und die Sonne scheint. Das Gornergrathotel sieht wie eine Burg aus, jedem Sturme trotzend.

Gornergrat



Castor und Pollux, Breithorn

Um den vielen Menschen zu entgehen, machen wir uns an den Hohtälligrat; ob es zu Stockhorn hinüber reicht? Zwar fährt eine Seilbahn, aber die lassen wir links vorbeifahren. Der Schnee vom Freitag liegt hier noch ca. 10 cm hoch, manchmal an ausgesetzten Stellen noch mehr. Ohne Schnee ist dieser Weg bequem zu überqueren, aber jetzt ist der Weg oft verschollen. Mir macht es sichtlich Spass über die Felsen zu turnen und den Durchgang zu suchen. Rechts unten ist der Gornergletscher, der von hier schmächtig aussieht, links geht es nicht sehr steil abfallend in Richtung Findelental. Es ist warm in der Sonne und manchmal glitzern an schneefreien Stellen Granitpartikelchen wie wertvolle Steinchen.


























Breithorn


Wir sind nun eine Stunde unterwegs auf diesem schönen Grat. Weit hinter uns der Cervino als Dominator der Landschaft. Oben an der Mittelstation der Stockhornbahn angelangt, gibt es zuerst einen kurzen Mittagshalt. Hier pfeift der Wind empfindlich kalt. Trotzdem reicht es noch für ein paar lustige Liedchen, die ich mit meiner Mundharmonika begleite.

Das Panorama von hier oben ist grossartig: im Osten ein unendliches Schneefeld, im Vordergrund das Stockhorn, rechts steigt das Monte Rosa-Massiv mit der Dufourspitze (4634 m), dem höchsten Schweizer Gipfel, empor. Es folgen der Liskamm (4480 m), Castor (4226 m), Pollux (4091 m), das Breithorn mit seinen sieben 4000er-Gipfeln und das Kleine Matterhorn (3883 m). Weiter rechts ist der Theodulpass mit seinem Übergang nach Italien. Davor der breite Gletscher mit Theodul- und Furgghorn. Das unheimlich graziös dastehende Matterhorn, und die vielen 3000er und 4000er bilden einen Wall gegen Westen. Weit nördlich von unserem Standpunkt das Rhonetal mit den Grenzbergen zum Berner Oberland. Vor uns ist die Mischabelgruppe mit Nadelhorn, Lenzspitze, Dom (4545 m), Täschhorn, Alphubel, Allalinhorn, Rimpfischhorn und Strahlhorn. Eindrucksvoll ist diese Landschaft mit ihren vielen Gletschern, Fels- und Schneebergen.

Wir verzichten aufs Stockhorn und fahren mit der Seilbahn in wenigen Minuten zum Gornergrat zurück. Horst bleibt noch hier: er will später mit der Bahn zurückfahren. Isabelle und ich machen uns zu Fuss auf den Weg. Durch das Winterskigebiet führen gute Wege auf verschiedenen Routen nach Zermatt.
Langsam wird es bewölkt und die Sonne verzieht sich öfters. Beim Abstieg kommen wir ohnehin zum Schwitzen. Zwischenhalt für jeden Touristen ist der Riffelsee, in welchem sich fotogen das Matterhorn spiegelt.

Riffelsee mit Matterhorn


Jetzt geht der Weg nach links zum Gornergletscher hinab, und rechts führt einer der Wege nach Zermatt. Wir folgen dem Höhenweg über der Gornerschlucht bis zur Riffelalp. Die Hotels sind bereits geschlossen. Es geht nun längere Zeit abwärts, durch den Wald, über die Geleise der Zahnradbahn, bis wir vor einer einfachen Wirtschaft, die noch von der Sonne beschienen ist, Halt machen. Viele holzgeschnitzte Figuren zieren das Chalet und seine Umgebung.
Die Sonne bleibt auch hier nicht ewig, wir ziehen weiter und erreichen Winkelmatten. In der 1607 erbauten Kapelle kehren wir kurz ein um für diesen erlebnisreichen Tag zu danken. Zwanzig Minuten später sind wir wieder in der Jugi. Eine Dusche tut so gut wie das Nachtessen und so planen Isabelle und ich für den folgenden Tag, dem lundi du jêune, dem Feiertag nach dem Bettag, der nur im Welschland gefeiert wird.

Zum Matterhorn?

Isabelle will am Dienstag aufs Matterhorn. Ich mache noch Vorbehalte für meine Teilnahme da meine Ausrüstung dafür nicht vollständig ist. Und so ohne weiteres der Arbeit am Dienstag fernbleiben ist nicht mein Fall. – Noch einen Tag Sonne und die Schneeverhältnisse im Hörnligrat wären gut. So hätte ich eigentlich nichts mehr dagegen einzuwenden. Aber, ob ich die nötigen Kenntnisse für eine solche Tour auf über 4400 m habe? Schwierige Kletterei? Wie verhält sich der Führer, wenn ich nur langsam vorwärts komme? Bin ich genügend trainiert? Wie ist es mit dem Geld?
Wir legen fest, dass wir morgen einen Bergführer für jeden organisieren wollen, sowie für mich Steigeisen und Pickel. Den Pickel benötigen wir eigentlich für den Theodulgletscher. Wir wollen morgen zur Testa Grigia und am Abend dann zur Hörnlihütte.
Heute gibt es noch einen Bummel durch Zermatt und trinken noch ein kurzes Bier. Unterwegs sehen wir im Schaufenster des Verkehrsvereins ein Modell unseres Berges mit einer Routenbeschreibung. Nun ja, versuchen wir es! Diese Nacht nochmals in der Jugi und morgen – ich kann es noch nicht ganz glauben...


Montag, 19. September 1966

Trotz herrlichstem Wetter beginnt das Leben erst nach 7.30 Uhr. Der Rucksack ist griffbereit, alle Luxusgegenstände, wie Bücher, Zahnbürste, Waschzeug bleiben hier deponiert. Beim Frühstück verabschieden wir Horst – er reist heute wieder zurück nach Berlin – und dann gehts los. Geschäftiges Treiben beherrscht die Strassen, hier ist kein Feiertag. Wir suchen ein bestimmtes Sportgeschäft, aber es ist wie das Bergführerbüro geschlossen. Was nun? Isabelle erkennt einen Bergführer auf der Strasse, erkundigt sich nach dem Matterhorn und erhält eine positive Antwort für die Begehung. Herr Lauber will noch einen Kollegen besorgen und uns heute Abend oben an der Hörnlihütte erwarten. Wir sind einverstanden und in unheimlich guter Stimmung. Ich miete Pickel und Steigeisen, Isabelle kauft einen Film und noch Esswaren, dann verlassen wir Zermatt. Zuvor treffen wir nochmals Bergführer Lauber, der bereits einen Kollegen gefunden hat.

Testa Grigia

Um Zeit zu sparen – es ist inzwischen 9.30 Uhr geworden – nehmen wir die Seilbahn bis Trockener Steg (2939 m). Hier oben sind viele Arbeiter mit dem Bau eines grossen Skilifts beschäftigt. Ich frage mich, wie der Transport schwerer Baumaschinen vor sich ging, die in dieser Höhe arbeiten.
Mit der Rolba – dem Schneefahrzeug auf dem Theodulgletscher – wurde ein richtiger Weg angelegt, auf dem es sich bequem spazieren lässt. Von der Piste abgehen ist aber Selbstmord: viele Spalten verbergen sich unter der Schneedecke.

Vom Theodulgletscher: rechts die Südseite des Matterhorn, links die Dents d'Hérens










Theodulgletscher: Matterhorn mit dem Hörnligrat, rechts Ober Gabelhorn, Zinalrothorn


Theodulgletscher: links Kleines Matterhorn, rechts die Route zur Testa Grigia
















































Inmitten dieser herrlichen Gletscherwelt, bei strahlender Sonne, wandern wir in eineinhalb Stunden zum Theodulpass und zur Testa Grigia (auf italienischem Gebiet). Wenige Menschen sind unterwegs.
Am Pass befindet sich eine alte verlassene Hütte des italienischen Alpenclubs. Auch enden hier die Skilifte von Breuil-Cervinia. Es muss herrlich sein von 3400 m auf 2000 m hinabzufahren. Einige bläulich und grünlich gefärbte Gletscherseen stechen aus dem Braun des Bodens.
Die Seilbahnstation Testa Grigia ist mit Radar- und Radioanlagen bestückt und hat einen burgähnlichen Charakter.

Die Skilifte haben ihren Betrieb bereits eingestellt. Hoch oben gegen das Breithorn und das Monte Rosa-Plateau marschiert eine Dreiergruppe – als Pünktchen zu erkennen. Und weit links türmt sich ein breiter, wird zerklüfteter Berg empor: unser Monte Cervino, der von der Südseite ganz anders aussieht. Weit hinten am Horizont ist der unverkennbar breite Rücken des Montblanc sichtbar.
Inzwischen ist eine Seilbahnkabine von Breuil/Cervinia angekommen und der anwesende braungebrannte italienische Zollbeamte kontrolliert.
Zum Mittagessen gibt es bei uns gute, überreife Tomaten, Käse, Wurst und sogar Butterbrote. Der Durst wird durch Tee und Äpfel gestillt. Unsere Zeit hier oben vergeht viel zu schnell und schon bald sind wir wieder auf dem Rückweg über die Rolbaroute nach Trockener Steg.

Das Matterhorn!

Wir können uns nicht sattsehen an unserem Berg, der bei unserem Abstieg immer im Sichtfeld ist: Südgrat mit der Südwand, Furggengrat und Ostwand, Hörnligrat und dem breiten Gipfelfeld oben, dem Dach. Wir fragen uns, wie morgen die Schneeverhältnisse an der Schulter sind. Wie ist wohl das Gefühl beim Blick in die tiefe Nordwand? Der Steilaufschwung des Gipfels oberhalb der Schulter sieht auch nicht harmlos aus. Der Hörnligrat ist jetzt ohne Schnee. Ob es wird kalt und windig sein wird? Auf meinem ersten 4000er, dem Mönch, war es schaurig kalt und stürmisch.

Wir beneiden einen Skifahrer, der uns überholt. Keine Wolken sind am Himmel und die Sonne brennt unbarmherzig. Mittlerweile sind wir wieder bei der Station angelangt und es ist kurz nach 15 Uhr. Es geht nun in zwei Sektionen zum Schwarzsee (2583 m). Viele Menschen tummeln sich auf der Hotelterrasse und geniessen den wunderbaren Blick von hier aus. Nach dem obligatorischen Tee schauen wir noch durchs Fernrohr zum Matterhorn. Wwumm – das sieht gleich ganz anders aus: grosse Felsblöcke, zwar rauh und ausgesetzt, aber der Grat ist sicher zu machen. Einige Spuren scheinen an der Schulter sichtbar zu sein.

Zur Hörnlihütte

Wieder geht es den bereits bekannten Weg hoch. Nur an den Schattenstellen hat es noch Schnee und Eis. Es geht dem Abend entgegen und der Schatten des Matterhorn reicht hinüber bis Riffelalp. Einige Personen sind auch aufwärts unterwegs – Engländer oder Amerikaner mit ihren Führern. Bei der Hörnlihütte (3260 m) werden wir von den Bergführern Josef Lauber und Herbert Graven empfangen: "Seid ihr müde oder könnt ihr noch einen Walzer tanzen?" Ich frage: "Mit oder ohne Rucksack?" – Die beiden sind recht freundlich und haben uns schon Schlafstätten im Hotel Belvédère besorgt. "Hotel" ist übertrieben, denn es gleicht einem recht alten Haus, genügt aber vollkommen den Ansprüchen. In einem Sechserzimmer gibt es noch Platz, denn nur eine Person ist bis jetzt hier.
Zunächst gibt es aber etwas zwischen die Zähne. Im Essraum sind 10 Personen deutscher, schweizerischer und englischer Zunge. Nachher setzten sich noch unsere Bergführer zu uns und wir plaudern über vielerlei Interessantes, vor allem aber über den morgigen Tag. Für uns sei es kein Problem hochzukommen, machen sie uns Mut, wir hätten ja Übung.
Obwohl es erst 20.30 Uhr ist, ist der Tag beendet. Es ist draussen sternenklar und wir bereiten uns auf eine kalte Nacht vor. Im Schein der Kerze habe ich schliesslich sieben Wolldecken gehamstert. Der Rucksack ist fast leer; nur das Allernötigste wir mitgenommen. Ist meine Mundharmonika Luxus? Ich will oben auf dem Gipfel spielen; vielleicht kann ich anderen eine Freude bereiten – oder es ist eine moralische Auffrischung auch bei mir nötig...
Die Stahlroste der doppelstöckigen Betten quietschen bei jeder Bewegung, aber schliesslich wird es ruhig. An richtiges Schlafen ist bei mir nicht zu denken; so vieles geht mir durch den Kopf.


Dienstag, 20. September 1966

Um 4 Uhr morgens werden wir geweckt. Ich habe beim Aufstehen Schüttelfrost– aber so kalt ist es eigentlich gar nicht. Isabelle und ich wollten nicht die Letzten sein und haben daher bald gefrühstückt. Unsere beiden Führer stehen bereit: Isabelle kommt zu Josef Lauber und ich zu Herbert Graven. Eine bessere Reebschnur verbindet mich mit meinem Guide: schnell um die Hüfte gelegt und drei, vier Spierenstiche, fertig.

Aufstieg zum Matterhorn

Es ist jetzt genau 5 Uhr und noch Nacht: mit Taschenlampen ausgerüstet geht es los. In wenigen Minuten sind wir beim Einstieg, aber nicht ohne am Muttergottesbild vorbeigekommen zu sein. Noch hat es Schnee in den tagsüber schattenbelegten Felsen und alles ist gespenstisch; jeder Griff und Schritt geschieht vorsichtig. Alle acht oder zehn Seilschaften sind jetzt hintereinander: dies bremst und braucht Zeit. Oft gibt es Momente zum Warten. Am liebsten würde ich ganz vorne sein, denn bisher ging alles sehr leicht für mich.

Kurze Zeit später ist es so hell, dass die Taschenlampen irgendwo deponiert werden können. Ich klettere knapp hinter meinem Führer, der auch den anderen auf den Fuss folgt. Es ist sehr bequem, wenn einem gesagt wird, wo jetzt mit dem Fuss und wo mit der Hand Halt gefunden wird. Wir sind links des Hörnligrates, der sich spitz auftürmt und immer wieder durch grössere Risse unterbrochen wird. Mein Führer ist heute das 156. Mal hier unterwegs. Jeden Stein kennt er auswendig. An einer breiteren Stelle gehen wir weiter nach links und überholen die anderen Seilschaften. Nun gehen wir schnell und vor allem ohne Unterbruch aufwärts. Gefährlich sieht die Ostwand aus: sie fällt steil ab auf den Gletscher. Wie mancher hat dort unten sein ewiges Grab gefunden? Wie mancher wurde verstümmelt als Toter geborgen? Dieses Jahr waren es 10 Menschen, die am Matterhon ihr Leben liessen. Ist einem dies bewusst, so passt man auf.

Weit hinter dem endlosen Schneefeld über dem Gornergletscher wird es heller, schliesslich orangefarben. Ein Blick in die Höhe zeigt, dass der Gipfel des Matterhorns schon von der Sonne beschienen ist. Ein herrlicher Anblick. Jetzt queren wir nach rechts und durch einige Couloirs aufwärts sind wir auf dem Grat. Der Blick reicht nun weiter. Rechts fällt der untere Teil der Nordwand zum Zmuttgletscher ab, weit unten rechts liegt der kleine Ort Zmutt. Auch die Dent Blanche, das Ober Gabelhorn, das Zinalrothorn und das Weisshorn haben zu Begrüssung goldene Kappen angelegt. Zermatt schläft noch könnte man glauben. Kein Wind bläst und die Temperatur ist ganz angenehm.

Lange gehen wir nicht auf dem Grat – es kommen senkrechte Stellen, deshalb wieder nach links in die Ostwand. Wir beide haben einen guten Vorsprung und sind die erste Seilschaft; ab und zu sieht man nichts von den anderen. Nach einem schmalen Durchgang liegen einige Bretter an einer Stelle. Hier stand die erste Hütte, erzählt mein Guide. Eine grossartige Leistung im Jahre 1867. Durch eine einfache Seilwinde wurden die nötigen Baustoffe nach oben gezogen.

Erster Halt: Solvayhütte

Einige nette Klettereien folgen, z.B. die Untere Mosleyplatte. Zum sich sichern ist oberhalb dieser Platte ein Eisenhaken einbetoniert. Nun sind es noch wenige Meter bis zur Solvayhütte auf 4003 m. Ganz an die Felsen des Grates angeschmiegt, hat sie als Notunterkunft schon manchem Kletterer  bei Schlechtwettereinbruch das Leben gerettet. Jetzt gibt es den ersten offiziellen Halt. Wir haben eine Viertelstunde Vorsprung und warten auf der Bank vor der Hütte auf die anderen Seilschaften. Wieder geht der Blick über Täler und Berge. Italien liegt unter einem dicken Nebelmeer begraben, nur die höchsten Berge ragen wie Inseln heraus. Geheimnisvolles Land.

Solvayhütte: Josef Lauber und Isabelle beim Aufstieg

Blick von der Solvayhütte in die Nordwand

Solvayhütte: die Seilschaften sind auf dem Schneefeld zu sehen

Solvayhütte: der Hörnligrat, links oben Zermatt
Nach der Solvayhütte kommt die Obere Mosleyplatte, die aber auch schnell überwunden ist. Wieder geht es in die Ostwand, um nachher ein längeres Stück auf dem Grat zu bleiben. Bis zur Schulter gibt es noch zwei kleinere tückische Schneefelder zu begehen.
An der Schulter, die immer noch voller Schnee und Eis ist, legen wir unsere Steigeisen an. Bis wir soweit sind, haben die anderen Seilschaften auch die Schulter erreicht und machen dasselbe. Jetzt geht es wesentlich bequemer und sicherer aufwärts. Nur bei den Felsen müssen wir aufpassen: Metall und Stein vertragen sich nicht.


















































































































Aufstieg zur Schulter

Bis zum Gipfelaufschwung ist ein schmaler Grat zu überqueren; rechts geht es in die Nordwand, links ist die Ostwand – nicht gerade einladend. Doch nun beginnen die Fixen Seile. Jetzt benötige ich die meiste Kraft in den Armen, da ich mich hochziehen muss und die Steigeisen im Fels stören. Nach jedem Seilstück gibt es eine kleine Verschnaufpause: wir sind auf über 4000 m und jetzt nur nicht pressieren, dies ist in dieser Höhe gefährlich. Es ist auch die Gefahr, sich zu schnell am Seil hochzuhieven und dadurch Kraft zu verlieren.

Blick von der Solvayhütte zur schneebedeckten Schulter und zum Gipfel

In der Schulter




































Noch zehn Minuten bis zum Gipfel. Ich kann es kaum glauben, schon so weit zu sein. Einige Schneefelder und wir haben den Schweizer Gipfel erreicht.

Auf dem Gipfel!

Oben auf dem Matterhorn (4478 m) – ich weiss nicht, wie mir zumute ist! Ich kann nur dankend meinem Bergführer die Hand reichen.
Jetzt ist es 8.45 Uhr. Also benötigten wir mit dem Aufenthalt bei der Solvay 3.45 Stunden. Eine gute Zeit. Herbert Graven sagt, dass wir es in drei Stunden hätten schaffen können, wäre der Anfang nicht Kolonnenkletterei gewesen. Nun will ich noch zum italienischen Gipfel hinüber, der über den 82 m langen schneebedeckte Grat erreichbar ist. Am Kreuz Carrelinos vorbei haben wir dann den zweiten Gipfel des Matterhorns erreicht.

Matterhorngipfel: Die zweite Seilschaft ist auf dem Schweizer Gipfel angekommen

Matterhorngipfel: Auf dem italienischen Gipfel das Kreuz Carellinos

Matterhorngipfel: Blick vom italienischen Gipfel zur Mischabelgruppe, zum Findelengletscher und nach Zermatt (2800 m tiefer)

Matterhorngipfel: Blick zum Furgggrat, Theodulhorn, Breithorn

Matterhorngipfel: Nach Westen: rechts Les Diablerets, links Dents du Midi

Matterhorngipfel: Im Süden ein Nebelmeer, darüber ragt der Monte Besso




















Matterhorngipfel: Die letzten Seilschaften kommen auf dem Gipfel an. Höher geht es nicht mehr.

Matterhorngipfel: Mein Bergführer Herbert Graven. Blick Richtung Montblanc

























Grandiose Alpenwelt rundum

Die Sicht reicht vom Montblanc im Westen bis zum Ortler in Österreich. Der Norden ist begrenzt durchs Berner Oberland vom Wildhorn bis zum Galenstock und noch weiter. In Italien ragt weit unten der Monte Besso aus dem Nebelmeer. Die Unzahl an Gipfeln und Schneefeldern ist nicht zu ermessen. Dann diese Stille! Kein nennenswerter Wind geht und keine Wolke am strahlend blauen Himmel. Wirklich ideale Verhältnisse. Vor uns die steile Südwand, rechts der Südgrat, der nicht speziell gefährlich, dafür aber lang ist. Hinter uns die Nordwand und der Zmuttgrat. Hier sind die vier höchsten Gipfel der Schweiz beisammen: Dufourspitze (4634 m), Dom (4545 m), Weisshorn (4506 m) und Matterhorn (4478 m).
Vom italienischen Gipfel wechseln wir wieder auf Schweizer Boden. Bereits sind nun die ersten Seilschaften angelangt. Isabelle und ihr Guide sind um 9 Uhr zum Gipfelfoto hier. Diese Freude, am Ziel angekommen zu sein! Nun wird meine Mundharmonika daran glauben müssen...
Viel zu kurz ist der dreiviertelstündige Aufenthalt hier oben. Und nun dieselbe Strecke wieder zurück. Mit Sorgen denke ich an die Stellen mit den Fixen Seilen und an die Steigeisen an meinen Füssen.

Der Abstieg

Der Abstieg vom Gipfel ist angenehm, dank der Seilsicherung des Bergführers. Oberhalb dieser Stelle riss von 101 Jahren das Seil. Vier Menschen stürzten damals in den Tod. Nur Whymper und die beiden Führer Taugwalder kamen von der Erstbesteigung zurück. Ich versetze mich in die damalige Situation: es gab keine Fixen Seile, keine Steigeisen für Eis und Schnee, keine Erfahrungen der Seilschaften. Die Gefahr, abzustürzen war unheimlich gross. Genau an jener Stelle fällt die Nordwand über 1000 m tief ab.

Beim Abstieg begegnen wir hier der letzten Seilschaft. Wir bemerken, dass es der Führer jenes Touristen nicht einfach hat und viel in Geduld üben muss. Für manchen Zermattbesucher, vornehmlich aus Angelsachsen, ist es oft eine Prestigesache, daheim die Urkunde der Matterhornbesteigung vorzuweisen. Deshalb wollen auch viele Ungeübte nach oben. Es gelingt fast allen, aber oft in welcher Verfassung! Auch heute kam ein älterer Amerikaner mit zwei Führern auf den Gipfel. Das Matterhorn hat eine riesige Anziehungskraft auf alle. Ist es der Berg oder das Prestige?

Der Grat zur Schulter und Das Schneefeld auf der Schulter selber sind abwärts gut zu begehen; dann werden die Steigeisen ausgezogen. Viel leichter und schneller geht es nun durch die Felsen abwärts, nur auf den beiden Schneefeldern geschieht jeder Schritt ganz vorsichtig. Die Obere Mosleyplatte wird überwunden und schon sind wir bei der Solvayhütte. Wir benötigten für die 470 m vom Gipfel bis hier 1 Stunde. Die Hütte bietet uns Schatten vor der Sonne – auch gibt es Tenueerleichterung. Wir tragen uns ins Hüttenbuch ein und geniessen nochmals die einmalige Aussicht. Inzwischen können wir auch die anderen Seilschaften, die wie Ameisen aussehen, bei der Schulter beobachten.

Der weitere Abstieg über die Untere Mosleyplatte, am Standplatz der alten Hütte vorbei, über den Grat und teils in der äussersten Ecke der Ostwand, immer abwärts. Wenig wird gesprochen, nur hinter mir tönt es: nach links, rechts, durch das Couloir, dann wieder links, geradeaus abwärts, hier auf dem Band entlang... Wir kommen sehr rasch abwärts weil es uns beiden Spass macht. Um 11.30 Uhr machen wir auf einer breiten Felsplatte – genau auf dem Grat – eine zweite Rast. Von hier wäre es noch eine knappe halbe Stunde bis zum Ausstieg – aber wir haben genügend Zeit. Von den anderen Seilschaften ist noch nichts zu sehen – diese werden jetzt wohl bei der Solvayhütte rasten. Fast eine halbe Stunde lassen wir Hemd und Rucksack trocknen, so herrlich warm ist es hier.

Nichts bewegt sich im starren aufgetürmten Steingrat, nur manchmal schiesst der Berg eine Steinkanonade ab, die dann durch die Ostwand jagt und unheimlich polternd im Gletscherschrund verschwindet. Einmal kommt ein Sportflugzeug vorbeigeflogen, dann ist es wieder still – nur das abfliessende Gletscherwasser rauscht zu uns herauf.

Schwer sind die Füsse und die Scharniere an den Knien geworden als wir zum Endspurt ansetzen. Es macht aber sichtlich Spass, mit Händen und Füssen abwärtsturnend den Rest hinter uns zu bringen. Am Ausstieg angelangt, hat es immer noch Schnee an dieser Stelle. Der letzte Schritt und wir sind zurück vom Matterhorn. Ich gebe zwar nach zwei Schritten unnötigerweise noch eine Produktion, die mich ziemlich hart mit dem eisbedeckten Boden in Berührung bringt – aber ein guter Schluss ziert alles. Schluss? Nein, mein Dank gilt noch der Madonnendarstellung oben am Felsen!

Wieder bei der Hörnlihütte

Die Gartenwirtschaft bei der Hörnlihütte ist voll besetzt und wir sind anscheinend die längste Zeit beobachtet worden. Ohne viel auf die fragenden, neugierigen Gesichter zu achten, verschwinden wir im Belédère. Es ist 12.30 Uhr. Für die ganze Tour samt diversen Pausen benötigten mein Führer und ich siebeneinhalb Stunden.

Wasser ist hier Mangelware, aber ich habe einige Lavex-Tüchlein dabei. Ein frisches Hemd und die Welt sieht anders aus. Auf der Hotelterrasse bestelle ich später etwas und sofort beginnen die Fragen der Touristen.
Mich dünkt es sehr lange, bis die anderen in Sichtweite sind, die kleinen Personen fallen nicht auf zwischen den grossen Steinen. Endlich kommen auch Isabelle und ihr Führer in Sicht und wenig später sind alle wohlbehalten zurück. Auf der Bank vor der Hütte sitzen wir noch mit unseren beiden Bergführern zusammen, plaudern und trinken noch eins. Isabelle und mir steht noch der Abstieg zum Schwarzsee bevor – unsere beiden Führer bleiben hier; sie wollen morgen zum Abschluss der Saison mit dem Küchenpersonal des Belvédère aufs Matterhorn.

Der Weg zum Schwarzsee ist teilweise schwierig zu begehen: es hat auf dem vielbegangenen Bergwanderweg Schnee und darunter blankes Eis. So gibt es ab und zu ein nasses Hinterteil, das aber bis zum Schwarzsee wieder trocken ist. Es gibt hier den obligaten Tee auf der Terrasse und schauen nochmals dankbar auf unseren Berg empor.

Mit der Seilbahn geht es abwärts nach Zermatt. In der Jugi holen wir unsere deponierten Effekten ab, geben im Sportgeschäft Pickel und Steigeisen zurück, kaufen Postkarten und trinken noch das verdiente kühle Bier im Bahnhofbuffet. Um 18.20 Uhr nehmen wir Abschied von Zermatt und fahren mit dem Zug über Visp nach Lausanne. – Ich habe mehr erreicht als ich zunächst wollte – ein grosser Traum wurde heute Wirklichkeit!

Matterhorn – auf ein Wiedersehen!



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